Kultur in Nepal

Die kulturellen Unterschiede zwischen Europäern und Nepalesen sind so groß, dass man ein ganzes Buch darüber schreiben könnte. Nachfolgend findest du eine Übersicht der wichtigsten Punkte, die dir in der Interaktion mit der einheimischen Bevölkerung weiter helfen.

Ja und Nein

Der vielleicht verwirrendste Kulturunterschied ist der Gebrauch von Ja und Nein. Als erstens muss erwähnt werden, dass ‘Ja’ nicht von einem Nicken begleitet wird. Stattdessen wird das Kinn hin und her bewegt, was den Kopf zum Wobbeln bringt (probier’s mal aus).  Egal, ob ‚gewobbelt‘ oder gesprochen, ein ‚Ja‘ kann viele Bedeutungen haben. Außer ‘ja’, kann es ‘Eh’, oder ‘verstanden’ bedeuten oder sogar etwas wie ‘das ist wahrscheinlich richtig’, oder  ‘Ich hab dich verstanden, hab aber kein Interesse an dem, was du sagst’. Wenn ein Nepalese ‘Ja’ sagt, weiß man nicht wirklich, was er meint. ‘Nein’ ist ein Wort, dass die Nepalesen ungerne sagen, z.B. wenn sie gefragt werden, ob der Bus nach Pokhara hier hält. Wenn man ihnen ein Stück Lakritz anbietet, finden 9 von 10 Nepalesen den Geschmack schrecklich. Fragt man sie, ob es ihnen schmeckt, würden sie trotzdem nicht ‘nein’ sagen.

Höflichkeitsregeln

Nepalesen grüßen sich traditionell mit einem ‘namasté’, bei dem man die Handflächen zusammenpresst und senkrecht vor sein Gesicht hält. Je höher du die Hände hältst, desto mehr Respekt zeigt man. Außerdem kann man Personen des gleichen Geschlechts die Hand geben. Spreche jeden mit ‘Sir’ oder ‘Madam’ an. Erhebe nie deine Stimme, auch nicht, wenn etwas schief läuft. Es ist besser, nach jemanden mit einem höheren Rang zu fragen, da Entscheidungsdelegation kein starker Punkt in nepalesischen Organisationen ist.

Geschenke

Sei nicht überrascht oder beleidigt, wenn man dir nicht sofort dankt, wenn du ein Geschenk überreichst. Normalerweise wird das Geschenk ungeöffnet zur Seite gelegt. Dies ist kein Zeichen von Undankbarkeit. In Nepal wird es als Zeichen von Gier angesehen, wenn man Geschenken sofort zu viel Aufmerksamkeit schenkt, und dies wird nicht geschätzt.

Kleidung

In den Augen der Nepalesen sind Männer in Shorts lächerlich und ist es für Frauen unerhört, Shorts zu tragen. Die Einheimischen kleiden sich bei wichtigen Angelegenheiten gerne formell. Wenn du zu einer Hochzeit eingeladen wirst, solltest du nach dem Dresscode fragen. Nackt oder oben ohne Schwimmen ist verboten. Auch Bikinis sind nicht gerne gesehen. In der Praxis führt das Tragen eines Bikinis zu  hartnäckigem Starren von nepalesischen Männern. Ein Badeanzug macht das Sonnenbaden zu einer entspannteren Angelegenheit. Zum Vergleich: nepalesische Frauen baden meist in ihrem Sari.

Links und Rechts

Die rechte Hand wird zum Essen verwendet, die andere zum Hinternabwischen. Solltest du mit Nepalesen zusammen und mit den Händen essen, benutze also nie die linke Hand. Die Hände zu wechseln gilt bei den Nepalesen als unrein. Berühre niemanden mit deiner linken Hand.

Meetings/ Termine

Wir kommen aus einer hektischen Kultur, in der das Motto ‘Zeit ist Geld’ allgegenwärtig ist und Pünktlichkeit erwartet wird. Nepalesen kennen diese Hektik nicht. Das heißt allerdings nicht, dass sie immer zu spät sind. Sie sind oft eine Stunde zu früh, wenn sie keine anderen Verpflichtungen haben.

Privatsphäre

Jemanden anzustarren ist nicht unhöflich und die Nepalesen verstehen ‘persönlichen Raum’ anders als wir. Sie kommen einem näher als Europäer dies tun würden, z.B. lesen sie in deinem Buch mit und werden es akribisch studieren, sobald du es aus der Hand legst. Sie betreten dein Zimmer manchmal ohne anzuklopfen und verweilen, auch wenn sie eigentlich gehen könnten. Es ist an dir, deine Grenzen anzugeben.

Männer und Frauen

In Nepal gehen Männer und Frauen anders miteinander um als im Westen. Du wirst fast nie einen Mann und eine Frau Arm in Arm auf der Straße sehen. Körperlicher Kontakt zwischen Männern und Frauen ist auf ein Minimum beschränkt. Zuneigung in der Öffentlichkeit zu zeigen, ist ebenfalls sehr unangebracht. Auf Bahnhöfen und in manchen Kinos gibt es sogar getrennte Kassen für Frauen und in Zügen gibt es Abteile nur für Frauen. Die Regeln für den Kontakt mit dem anderen Geschlecht sind eher liberal. Als Mann sitzt man besser nicht neben einer Frau und spricht auch nicht mit ihr. Diese Regel gilt besonders für Frauen im fruchtbaren Altern. Weibliche Touristen können ohne Probleme Kontakt mit nepalesischen Frauen aufnehmen. Für westliche Frauen ist es besonders wichtig, den Verhaltenscode vis-à-vis nepalesischer Männer zu kennen. Es ist besser, sie nicht direkt anzuschauen. Viele Männer denken sonst, dass du etwas (von ihnen) willst.

Besuch heiliger Orte

Heilige Orte (außer Kirchen) betrittst du barfuß. Hindu-Tempel besuchst du ohne Kopfbedeckung. In manchen Tempeln sowie der ‘garbha griha’, dem heiligsten Ort eines Tempels, bist du als Nicht-Nepalese nicht willkommen. Für den Besuch einer Moschee trägst du Kleidung, die wenig bis keine freie Haut zeigt. Manchmal wird man dich bitten, deinen Kopf zu bedecken. Während eines Gottesdienstes sitzen Männer und Frauen getrennt.

Wenn du um einen buddhistischen Stupa gehst, läufst du linksrum (also im Uhrzeigersinn). Es wird nicht gerne gesehen, wenn Touristen sich vor Buddha-Statuen fotografieren lassen. In Jain-Monumenten darf man keine Gegenstände aus Leder tragen (Schuhe, Taschen, Gürtel, etc.). Sikh-Tempel sollte man bedeckt und mit einer Kopfbedeckung betreten. 

Betteln

Betteln ist eine zum Teil sozial akzeptierte Aktivität. Hindus können durch das Geben von Almosen ihr Karma verbessern und wohlhabende Moslems sind laut Koran dazu verpflichtet, 4% ihres Einkommens an Minderbemittelte abzugeben. Die meisten Nepalesen zeigen jedoch deutlich, dass sie Bettelei ablehnen. Bettler werden als ‘stinkfaul’ bezeichnet und man hört Sätze wie ‘diese Leute wollen ihre tägliche Portion Reis, ohne dafür zu arbeiten’. Bei Shoestring gilt die Regel, dass man Kindern nie Geld gibt; wenn dann Obst oder etwas zu essen (wenn möglich keine Süßigkeiten, da es in diesen Gegenden nur wenige Zahnärzte gibt). Es ist ok, älteren Menschen oder Invaliden etwas zu geben. Jeder Bettler hat seine eigene Geschichte. Ein oder zwei müssen wirklich um ihr Essen betteln, aber die meisten zahlen mit dieser Aktivität ihren Platz in einem Haus. Leider nimmt die Zahl der Drogen- und Alkoholabhängigen zu. Am besten spendet man einer bekannten Hilfsorganisation. Es ist legitim für Bettler, in der Nähe des Ausgangs von Tempeln und Moscheen zu sitzen und auf ‘baksheesh’ (Almosen) zu warten.

Preise und Feilschen

Finde durch Vergleich und Probieren heraus, wie viel du wirklich für etwas zahlen solltest. Zu hohe Preise führen zu Inflation und zu niedrige Preise schadet dem Verkäufer. In der Praxis sind die Preise immer höher als du erwartest. Sehe das Feilschen als lustiges Spiel an. Eine Tasse Tee an einem einfachen nepaleschen Straßenstand kostet ca. 5 Rupien, während wir bei uns locker 100 Rupien bezahlen. In den Augen der Einheimischen sind Menschen aus dem Westen immer im Urlaub und verdienen viel Geld. Dies kann ihnen das Gefühl geben, dass sie unterentwickelt und arm sind. Versuche ihnen ein ausgeglicheneres Bild zu geben, in dem du ihnen deinen Alltag beschreibst.

Im Allgemeinen

Sei dir immer bewusst, dass du Gast bist in einem Land mit anderen sozialen Bräuchen, als du gewöhnt bist. Besonders während der Festivals ist es wichtig, sich an die lokale Tradition anzupassen, auch wenn du sie vielleicht komisch findest. 

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